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Weihnachten, wie wir es feiern, ist noch nicht so alt. Adventskranz, Lichterbaum und geschmückte Stuben, das festliche Beieinander im Kreise der Familie, all das entstammt der Bürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts.
Am Anfang jenes Jahrhunderts schrieb der große Theologe, Philosoph und Romantiker Friedrich Schleiermacher ein kleines Büchlein unter dem Namen "Die Weihnachtsfeier". Dieses Büchlein lässt uns gewissermaßen einen Blick in die Entstehung des bürgerlichen Weihnachtsfestes tun. Wobei Schleiermacher freilich nicht erzählt, wie es damals wirklich war, sondern er entwirft ein Ideal, wie er sich ein Weihnachtsfest im Kreise von gebildeten Freunden vorstellt.
Was wir da antreffen, ist eine gehobene Stimmung, Weihnachtsschmuck, wobei ihm ganz offensichtlich auch so etwas wie ein erzgebirgischer Weihnachtsberg mit vielen bewegten Szenen vor Augen stand, ein Kind, Sophie, das Geschenke empfängt, und die Erwachsenen mit Klavierspiel erfreut, und dann diese Erwachsenen selber, drei Ehepaare.
Das Büchlein hat kaum eine Handlung. Im Mittelpunkt stehen geistreiche Überlegungen und Gespräche. Und offensichtlich gehört auch das zu Schleiermachers Ideal: Die Gespräche sind kein ungeordnetes Drauflosreden, sondern man kommt überein, das Weihnachtsfest, seine Form und seinen Inhalt von verschiedenen Gesichtspunkten her in einzelnen Reden zu betrachten. Die Männer stellen dabei verschiedene, teils auch skeptische Überlegungen zur Bedeutung des Festes an. Schleiermacher verpackt darin bestimmte theologische Standpunkte, die für ihn später noch wichtig werden. Die Frauen erzählen aus ihren Erinnerungen. Und gerade darin schwingt ganz stark das romantische Verständnis der Religion mit, das Schleiermacher sechs Jahre zuvor in seinen berühmten Reden über die Religion formuliert hatte: Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche, ist Anschauung und Gefühl.
Am berührendsten ist ihm dabei wohl die Erzählung Ernestines geraten, die ich heute hier zitieren möchte:
Zu Hause waren dem fröhlichen Feste allerlei trübselige Umstände vorhergegangen, die sich nur kurz zuvor ziemlich glücklich aufgelöset hatten. Es war daher weniger und bei weitem nicht mit so viel Liebe und Fleiß als gewöhnlich für die Freude der Kinder gesorgt worden. Dies war eine günstige Veranlassung, um einen Wunsch zu befriedigen, den ich schon ein Jahr früher, aber vergeblich geäußert hatte. Damals nämlich wurden noch in den späten Abendstunden die sogenannten Christmetten gehalten und bis gegen Mitternacht unter abwechselnden Gesängen und Reden vor einer unsteten und nicht eben andächtigen Versammlung fortgesetzt. Nach einigen Bedenklichkeiten durfte ich wohlbegleitet mit dem Kammermädchen der Mutter zur Kirche fahren. Ich weiß mich nicht leicht einer so gelinden Witterung um diese Zeit zu erinnern als damals. Der Himmel war klar und doch der Abend fast lau. In der Gegend des fast schon verlöschenden Christmarktes trieben sich große Scharen von Knaben umher mit den letzten Pfeifen, Piepvögeln und Schnurren, die um einen wohlfeilen Preis losgeschlagen wurden, und liefen lärmend auf den Wegen zu den verschiedenen Kirchen hin und her. Erst ganz in der Nähe vernahm man die Orgel und wenige unordentlich begleitende Stimmen von Kindern und Alten. Ohneracht eines ziemlichen Aufwandes von Lampen und Kerzen, wollten doch die dunklen, altersgrauen Pfeiler und Wände nicht hell werden, und ich konnte nur mit Mühe einzelne Gestalten herausfinden, die nichts Erfreuliches hatten. Noch weniger konnte mir der Geistliche mit seiner quäkenden Stimme einige Teilnahme einflößen; und ich wollte eben ganz unbefriedigt meine Begleiterin bitten zurückzukehren und sah mich nur noch einmal überall um. Da erblickte ich in einem offenen Stuhl, unter einem schönen alten Monument, eine Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Schoß. Sie schien des Predigers, des Gesanges und alles um sie her wenig zu achten, sondern nur in ihren eigenen Gedanken tief versenkt zu sein, und ihre Augen waren unverwandt auf das Kind gerichtet. Es zog mich unwiderstehlich zu ihr, und meine Begleiterin mußte mich hinführen. Hier hatte ich nun auf einmal das Heiligtum gefunden, das ich so lange vergeblich gesucht. Ich stand vor der edelsten Bildung, die ich je gesehn. Einfach gekleidet war die Frau, ihr vornehmer, großer Anstand machte den offnen Stuhl zu einer verschlossenen Kapelle; niemand hielt sich in der Nähe und dennoch schien sie auch mich nicht zu bemerken, da ich dicht vor ihr stand. Ihre Miene schien mir bald lächelnd, bald schwermütig, ihr Atem bald freudig zitternd, bald frohe Seufzer schwer unterdrückend, aber das Bleibende von dem allem war freundliche Ruhe, liebende Andacht, und herrlich strahlte diese aus dem großen schwarzen, niedergesenkten Auge, das mir die Wimpern ganz verdeckt hätten, wenn ich etwas größer gewesen wäre. So schien mir auch das Kind ungemein lieblich, es regte sich lebendig, aber still und schien mir in einem halb unbewußten Gespräch von Liebe und Sehnsucht mit der Mutter begriffen. Nun hatte ich lebendige Gestalten zu den schönen Bildern von Maria und dem Kinde; und ich vertiefte mich so in diese Phantasie, daß ich halb unwillkürlich das Gewand der Frau an mich zog und sie mit bewegter, sehr bittender Stimme fragte: "Darf ich wohl dem lieblichen Kinde etwas schenken?" Und so leerte ich auch schon einige Händchen voll Näschereien, die ich zum Trost in aller etwaigen Not mitgenommen, auf seine Bedeckungen aus; die Frau sah mich einen Augenblick starr an, zog mich dann freundlich zu sich, küßte meine Stirn und sprach: "O ja, liebe Kleine, heute gibt ja jedermann, und alles um eines Kindes willen." Ich küßte ihre um meinen Hals gelegte Hand und ein ausgestrecktes Händchen des Kleinen und wollte schnell gehn, da sagte sie: "Warte, ich will dir auch etwas schenken; vielleicht kenne ich dich daran wieder." Sie suchte umher und zog aus ihren Haaren eine goldene Nadel mit einem grünen Stein, die sie an meinem Mantel befestigte. Ich küßte noch einmal ihr Gewand und verließ schnell die Kirche mit einem vollen, über alles seligen Gefühl.