Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 ... 12 >>
| Was gibt's zu Weihnachten? | |
|---|---|
| Bei uns gibt es Gans, sagt die Hausfrau. Bei uns gibt es Streit, sagen die Kinder. Bei uns gibt es große Freude, sagt Gott. | |
| Tobias Petzoldt |
Nachdem nun so ziemlich alle Termine geklärt sind, möchte ich etwas Licht in unsere Situation und unser Weggehen bringen.
Die ursprüngliche Planung hatte sich vor allem aufgrund meiner plötzlichen Erkrankung verschoben. Deshalb bin ich auch nach wie vor offiziell der Pfarrer von Augustusburg und Schwestergemeinden.
Am kommenden 4. Adventssonntag werde ich meinen Dienst zunächst wieder aufnehmen, noch ein paar Gottesdienste mit den Gemeinden feiern und die Pfarramtsübergabe machen. Am Epiphaniasfest wird dann die Verabschiedung nachgeholt, 19.30 Uhr zum Gottesdienst in Erdmannsdorf.
Dann werden Andrea und ich für drei, evtl. vier Wochen in Malaga sein, um dort intensiv Spanisch zu lernen. Am 15. Februar beginnt unser Dienst auf Teneriffa.
Bis dahin ist noch einiges vorzubereiten. Wir sind gespannt und hoffen, dass jetzt alles einen guten Gang nimmt.
Vorgestern war schon mal von der Kurrende die Rede. Bei diesem Wort denken viele an geschnitzte "Männeln" aus Seiffen. Menschen, die der sächsischen Landeskirche nahestehen denken an kirchliche Kinderchöre, die hierzulande Kurrende heißen. Und die Kurrende-Männeln aus Seiffen stellen ja auch genau solche Kinderchorsänger dar. Gerade im Erzgebirge sind auch die schwarzen Kurrendemäntel mit den großen weißen Kragen noch verbreitet. Als ich als Pfarrer in Marienberg begann, da wirkte die Kurrende noch bei jedem Gottesdienst (außer in den Schulferien) mit. Beim Orgelvorspiel zog sie ein, stand dann im Halbkreis auf dem Altarplatz und sang die Liturgie und den Halleluja-Vers nach der Epistellesung. Das hat mich sehr beeindruckt. Obwohl es dann schon bald immer schwieriger wurde, die Kinder zum wöchentlichen Gottesdienstbesuch anzuhalten.
Wie auch immer, als ich 1987 mein Studium in Naumburg begann, war ich überrascht, dass es an der Kirchlichen Hochschule (die damals noch Katechetisches Oberseminar hieß) auch eine Kurrende gab. Denn ich kam ja aus Sachsen, und für mich war eine Kurrende immer ein Kinderchor. Die Kurrende des Katechetischen Oberseminars war aber ein Studentenchor. Und wie ich lernen musste, war dortzulande das Wort Kurrende für Kinderchöre gar nicht gebräuchlich. So wurde ich mit 22 Jahren Kurrendesänger.
Kurrenden waren früher Schülerchöre, die vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit umherzogen, sangen und dafür Gaben und Almosen erhielten.
Daran knüpfte auch die Naumburger Kurrende an. Denn eine ihrer Hauptaufgaben war neben der Ausgestaltung von akademischen Gottesdiensten der Hochschule das Singen von Geburtstagsständchen bei Dozenten und Mitarbeitern und vor allem das Adventssingen.
Das Adventsliedersingen war ein jährlicher Höhepunkt im Leben der Kurrende. Der 1. Advent und der Sonnabend davor waren damit ausgefüllt. An diesen beiden Tagen wurden sämtliche Dozenten (ab 1990 Professoren), in Naumburg ansässige eremitierte Dozenten sowie die Mitarbeiter des Hauses besucht und besungen. Außerdem besuchten wir auch Seniorenheime und sangen da. Also ein volles Programm. Das hinderte uns nicht daran den Vorabend des 1. Advents noch bis in die späten Abendstunden hinein gesellig zu verbringen.
Besonders eindrucksvoll und schön war dann der Morgen des 1. Advents. Zu nachtschlafener Zeit – es muss wohl so 5.30 Uhr oder 6 Uhr gewesen sein – trafen wir uns zur Andacht in der Hauskapelle der Ägidienkurie. Danach sangen wir draußen vor dem Eingang der Hochschule unter dem Herrnhuter Stern, der dort hing. Es war ein besonderer Gruß an die jungen Männer, die gegenüber an der sowjetischen Kommandantur Wache stehen mussten, da, wo heute das Oberlandesgericht von Sachsen-Anhalt ist. Direkte Kontakte mit uns waren ihnen verboten. Aber dieser Gruß kam an, das zeigten uns ihre Blicke und Gesten.
Die nächste Station war nur wenige Schritte entfernt. Da wohnte unser Praktischer Theologe, der uns nach unseren Liedern, immer – das war Tradition – in seine Wohnstube einlud, wo es einen besonderen Trunk gab, einen Punsch, der unter dem Namen "Pastors Nachtmütze" bekannt war. Nach der kurzen Nacht und der alkoholhaltigen Stärkung in der frühen Morgenstunde zur nächsten Station unseres Singens aufzubrechen, kostete besondere Überwindung. Aber wir haben es immer geschafft.
Dass Advents- und Weihnachtslieder, für andere gesungen oder gespielt, Freude verbreiten und den Musizierenden selber Freude machen, das weiß jeder, der schon mal in dieser Jahreszeit mit Kurrende, Engelchor, Kirchenchor, Posaunenchor oder Jungschargruppe umhergezogen ist.
Den Brauch des Adventsliedersingens hat die Naumburger Kurrende übrigens auch nach der Schließung der Kirchlichen Hochschule noch einige Jahre beibehalten. Sängerinnern und Sänger trafen sich am ersten Adventswochenende, besuchten die immer noch in Naumburg lebenden früheren Professoren und Mitarbeiter und krönten den Tag mit einem festlichen Konzert. Als dann immer mehr Mitglieder der Kurrende Pfarrer wurden, war es nicht mehr möglich sie gerade an diesem Tag in Naumburg oder Camburg zusammenzuführen. So gibt es das Adventsliedersingen nun schon seit vielen Jahren nicht mehr. Aber die Naumburger Kurrende gibt es noch, und wir erinnern uns immer wieder gerne auch an die guten Zeiten bei "Pfarrers Nachtmütze".
Liebe Schwestern und Brüder,
unter der Überschrift Loslassen sollte meine Predigt für den morgigen Sonntag, den Reformationstag 2010 stehen. Nun wird es eine ungehaltene Predigt, denn ich bin im Krankenhaus.
Loslassen – das war natürlich mit dem Hintergedanken des Abschieds formuliert. Denn es sollte mein Abschiedsgottesdienst von Augustusburg, Erdmannsdorf und Hohenfichte sein. Ich lasse jetzt einiges los, was die letzten sieben Jahre meines Lebens ausgefüllt hat. Ich lasse Aufgaben los, die bisher meine waren. Ich lasse Menschen zurück, die mir bis jetzt Gemeindeglieder waren, aber meistens noch mehr: Mitarbeiter, haupt- und ehrenamtliche, Zuhörer, Kritiker, Klienten, Berater, Beter, Geschwister, Freunde ...
Und nun lasse ich auch das Loslassen los. Es wird kein Abschiedsgottesdienst, keine Dankesrunde morgen. Vielleicht können wir die Verabschiedung noch nachholen; ich weiß es noch nicht.
Als ich am Dienstag Vormittag ins Krankenhaus musste, kam mich der große Zweifel an: Würde es jetzt noch möglich sein, nach Teneriffa zu gehen, mit einer gesundheitlichen Einschränkung, zumindest mit einem bleibenden Risiko? Hatte Gott im letzten Moment die Notbremse gezogen? Sollte es nicht sein? War es dran, unsere Pläne loszulassen, die schon so weit gediehen waren?
Die Ärzte machten mir Mut: Einer Tätigkeit im Ausland würde nichts im Wege stehen. Und Gott machte mir Mut. Er erinnerte mich als erstes an den Monatsspruch dieses zu Ende gehenden, aufregenden Monats, den ich von Anfang an auf uns bezogen hatte: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen. (Offenbarung 3,8) Und dann an ein Wort aus dem Römerbrief: Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht reuen (Römer 11,29). – Und so bin ich, sind wir unseres Weges wieder ganz gewiss geworden.
Loslassen – das war natürlich auch im Blick auf den Predigttext vom Reformationstag, Römer 3,21-28, formuliert. Dort geht es darum, dass wir vor Gott gerecht sind ohne eigenes Verdienst, ohne gute Werke, allein durch den Glauben an Jesus Christus: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Vor Gott können und sollen wir auch loslassen: Einerseits unsere Sünde, unsere Schuld, unsere Verfehlungen, denn für die ist Christus ein für allemal am Kreuz gestorben. Andererseits aber auch unsere guten Werke, unsere Verdienste, das, worauf wir meinen stolz sein zu können, dessen wir uns gerne rühmen würden. Das ist der Kern evangelischen Glaubens.
Und diesen wollte ich in der Abschiedspredigt nun noch mal in besonderer Weise auf mich beziehen: Was in den vergangenen sieben Jahren gut war, was gelungen ist, was anerkannt war, wessen ich gerühmt wurde, worauf ich mir selber etwas eingebildet habe – das alles möchte ich vor Gott loslassen. Es ist nicht mein Verdienst. Vielleicht hat Gott an der einen oder anderen Stelle etwas durch mich bewirkt. Dann soll es mich und uns freuen; dann lasst uns dafür Gott die Ehre geben. Aber auch was in den vergangenen Jahren nicht so gut war, was nicht gelungen ist, was mancher kritisch gesehen haben mag, wo es Ärger gab, wo ich mir meiner Schwächen und Fehler bewusst war – oder auch nicht –, auch das möchte ich loslassen. Ich weiß, dass es unter Gottes Gnade und Vergebung steht.
Freilich möchte ich aber auch diejenigen um Vergebung bitten, denen ich durch meinen Dienst nicht so geholfen habe, wie es gut gewesen wäre, denen ich nicht gerecht geworden bin mit meinen Worten und Taten und meiner Art, die sich über mich geärgert haben oder sich durch mich verletzt fühlten.
Versagen und Gelingen, Erfolg und Misserfolg – das alles lasse ich los. Ich lasse es fallen in Gottes Hand.
Ja, ich lasse mich selber los. Ich bin und falle in Gottes Hand. Auch die plötzliche Erkrankung hat es mir wieder deutlich gemacht: Ich kann nur leben im Loslassen. Ich habe keinen festen Halt an mir selber, an meinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, an meinen Stärken und Schwächen, an meiner Gesundheit oder Krankheit. Ich habe nur den Halt in Gott. Und deshalb kann und will ich immer wieder loslassen. – Bei ihm bin ich gehalten.
Gott segne uns alle!
Nachtrag: Geht bitte trotzdem morgen alle zum Gottesdienst!
Link: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=2867
An abgelegener Stelle, nämlich im Deutschen Pfarrerblatt hat Kristian Fechtner, Professor für Praktische Theologie in Mainz, über den "gewöhnlichen" Sonntagsgottesdienst geschrieben. Nun ist dank Internet selbst das Deutsche Pfarrerblatt nicht mehr so abgelegen, dass nicht jeder diesen Artikel nachlesen könnte. Und das kann ich unseren Kirchenvorstehern und allen, die am Gottesdienst interessiert sind, nur wärmstens empfehlen. Folgen Sie dem oben angegebenen Link!
Bemerkenswert fand ich in diesem Artikel u.a. eine Überlegungen zur Bedeutung des Gottesdienstes für das christliche Leben:
Wir sprechen in kirchlichen Verlautbarungen häufig vom Gottesdienst als »Mitte« oder als »Zentrum« der Gemeinde. Das trifft [...] so nicht zu. Aber man könnte stattdessen vom Gottesdienst als »Quelle« christlichen Lebens sprechen. Eine Quelle liegt manchmal in einer entlegenen Region, auf jeden Fall nicht mitten im Gewässer. Sie liegt naturgemäß etwas höher und aus ihr sprudeln auch keine Wassermassen heraus. Aber stetig kommt frisches Wasser und das wächst sich dann aus bis hin zu Flüssen und Seen in den Kulturlandschaften unseres Lebens. Die Quelle selbst mag klein sein; es reicht, dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht versiegt.
Auch in unserem Gemeindeleitbild steht der Satz: "Gottesdienste sollen der Mittelpunkt des Gemeindelebens sein." – Die Mitte des christlichen Lebens ist er jedenfalls nicht. Die ist in meinem Herzen – also nicht nur in meinem, sondern in dem eines jeden Christen. Denn unsere Gottesbeziehung, unser Jesus-Christus-Glaube ist persönlicher Glaube. Gottesdienst als Quelle, aus dem sich der Glaube speist – das gefällt mir.
Am Ende seines Artikels fordert Fechtner vier Korrekturen an der gegenwärtig verbreiteten Gottesdienstpraxis, die mir weit gehend aus der Seele gesprochen sind. Ich zitiere noch mal in Ausschnitten:
(1) Wir sind gewohnt Gottesdienste als Gemeinschaft zu verstehen und zu gestalten. [...] Gottesdienste dürfen und sie sollen auch Distanz ermöglichen. Wo der äußere Abstand über Gebühr verringert wird, da wächst der innere Abstand. Dies gilt für körperliche Begegnungen ebenso wie für die Sitzordnung. »Kommen Sie doch nach vorne, hier sind noch Plätze frei« ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kommunikative Aufforderung. Und jeder als Zwang erlebte Kontakt, »wir reichen einander die Hände«, dementiert, was Segen oder Abendmahl als Gabe verheißen. In der Regel brauchen Menschen mehr und nicht weniger Abstand – gerade dann, wenn es um Dinge geht, die sie berühren.
Ich habe mich immer schwer getan mit Händchenhalten im Gottesdienst und Friedensgruß. Hier fühle ich mich bestätigt. Gottesdienst soll mir vor allem den Raum geben, in die persönliche Zwiesprache mit Gott einzutreten.
(2) Wir sind es gewohnt, Beteiligung als Grundprinzip des evangelischen Gottesdienstes zu verstehen. [...] Es gilt aber darauf zu achten, dass es äußere und innere Beteiligungsformen gibt. Auch hier gilt, dass eines keineswegs mit dem anderen in eins geht und dass sich beide nicht immer wechselseitig befördern. Und auch die inneren Beteiligungsformen haben etwas mit Aktivität zu tun. Der Königsweg der Gottesdienstgestaltung ist nicht die Mitmachübung; es geht vielmehr darum, die innere Teilhabe zu ermöglichen und zu stärken. Wir brauchen abgestufte Grade legitimer Beteiligung, ohne dass es für die einen oder die anderen peinlich ist.
Hatten Sie dieses Gefühl auch schon mal, im Gottesdienst vereinnahmt zu werden zu etwas, was Sie nicht wollten? – Basteln, Tanzen ...? – Äußeres Mitmachen kann innere Beteiligung behindern ...
(3) Menschen sollen aus unseren Gottesdiensten etwas mitnehmen. Wo das nicht passiert, da scheint uns der Gottesdienst misslungen. Und weil wir mittlerweile wissen, wie wichtig Symbole sind, geben wir Menschen tatsächlich immer häufiger etwas mit: eine Adventskerze, ein Bild, einen Stein. Vielleicht sollten wir bei Gelegenheit einmal die Praxis unserer gottesdienstlichen Give-aways kritisch überdenken. [...] Die Gegenprobe zum Mitnehmen lautet: Was kann ich im Gottesdienst dalassen? Vielleicht ist dies im Moment die entscheidendere Frage. Bleibt etwas von mir im Gottesdienst zurück, weil ich es dort loswerde: eine Bitte, eine Sorge, einen Gedanken? Nicht alles wieder mitnehmen müssen, das wäre was.
Dieser Gedanke spricht für sich selber.
(4) Ein evangelischer Gottesdienst, so haben wir von Martin Luther gelernt, soll verständlich sein, weil Menschen mitvollziehen sollen, was das Wort Gottes ihnen sagt und welche Bedeutung es für sie hat. [...] Verständlichkeit meint aber nicht, dass mir der Gottesdienst nicht auch fremd sein darf. Mir ist eben nicht alles vertraut und manchmal bin ich mir auch selbst fremd. Menschen lassen sich im Gottesdienst durchaus auch auf etwas ein, was ihnen zunächst fremd ist und manchmal auch fremd bleibt. [...] Im Gottesdienst, auch im Sonntagsgottesdienst, begeben wir uns allemal auf fremdes Terrain. Und dann und wann wird für Menschen der gewöhnliche Sonntagsgottesdienst zu einem »ungewöhnlichen«, existentiellen Ereignis.
Und auch diese Überlegung ist mir nicht neu. Ich habe sie auch schon gelegentlich geäußert: Wir können den Gottesdienst nicht so niedrigschwellig machen, dass er der nichtgottesdienstlichen Alltagswelt gleicht. Das "Ungewöhnliche" seiner Form hilft uns, das "Ungewöhnliche" zu entdecken: das, was unseren Alltag überschreitet, "transzendiert", die Gegenwart Gottes, das Heilige.
Damit kann man diesen schönen Artikel auf eine Pointe bringen: Der "gewöhnliche" Sonntagsgottesdienst ist in dieser seiner Gewöhnlichkeit außergewöhnlich genug, um unser Leben zu Gott hin zu erheben.