Kategorie: Gottesdienst

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30.10.10

Permalink 16:27:33, von Roland Herrig E-Mail , 703 Wörter   German (DE)
Kategorien: Gemeinde, Schwestergemeinden, Persönliches, Gottesdienst, Glaube

Loslassen. So ähnlich hätte ich am Reformationstag gepredigt.

Liebe Schwestern und Brüder,

unter der Überschrift Loslassen sollte meine Predigt für den morgigen Sonntag, den Reformationstag 2010 stehen. Nun wird es eine ungehaltene Predigt, denn ich bin im Krankenhaus.

Loslassen – das war natürlich mit dem Hintergedanken des Abschieds formuliert. Denn es sollte mein Abschiedsgottesdienst von Augustusburg, Erdmannsdorf und Hohenfichte sein. Ich lasse jetzt einiges los, was die letzten sieben Jahre meines Lebens ausgefüllt hat. Ich lasse Aufgaben los, die bisher meine waren. Ich lasse Menschen zurück, die mir bis jetzt Gemeindeglieder waren, aber meistens noch mehr: Mitarbeiter, haupt- und ehrenamtliche, Zuhörer, Kritiker, Klienten, Berater, Beter, Geschwister, Freunde ...

Und nun lasse ich auch das Loslassen los. Es wird kein Abschiedsgottesdienst, keine Dankesrunde morgen. Vielleicht können wir die Verabschiedung noch nachholen; ich weiß es noch nicht.

Als ich am Dienstag Vormittag ins Krankenhaus musste, kam mich der große Zweifel an: Würde es jetzt noch möglich sein, nach Teneriffa zu gehen, mit einer gesundheitlichen Einschränkung, zumindest mit einem bleibenden Risiko? Hatte Gott im letzten Moment die Notbremse gezogen? Sollte es nicht sein? War es dran, unsere Pläne loszulassen, die schon so weit gediehen waren?

Die Ärzte machten mir Mut: Einer Tätigkeit im Ausland würde nichts im Wege stehen. Und Gott machte mir Mut. Er erinnerte mich als erstes an den Monatsspruch dieses zu Ende gehenden, aufregenden Monats, den ich von Anfang an auf uns bezogen hatte: Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen. (Offenbarung 3,8) Und dann an ein Wort aus dem Römerbrief: Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht reuen (Römer 11,29). – Und so bin ich, sind wir unseres Weges wieder ganz gewiss geworden.

Loslassen – das war natürlich auch im Blick auf den Predigttext vom Reformationstag, Römer 3,21-28, formuliert. Dort geht es darum, dass wir vor Gott gerecht sind ohne eigenes Verdienst, ohne gute Werke, allein durch den Glauben an Jesus Christus: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Vor Gott können und sollen wir auch loslassen: Einerseits unsere Sünde, unsere Schuld, unsere Verfehlungen, denn für die ist Christus ein für allemal am Kreuz gestorben. Andererseits aber auch unsere guten Werke, unsere Verdienste, das, worauf wir meinen stolz sein zu können, dessen wir uns gerne rühmen würden. Das ist der Kern evangelischen Glaubens.

Und diesen wollte ich in der Abschiedspredigt nun noch mal in besonderer Weise auf mich beziehen: Was in den vergangenen sieben Jahren gut war, was gelungen ist, was anerkannt war, wessen ich gerühmt wurde, worauf ich mir selber etwas eingebildet habe – das alles möchte ich vor Gott loslassen. Es ist nicht mein Verdienst. Vielleicht hat Gott an der einen oder anderen Stelle etwas durch mich bewirkt. Dann soll es mich und uns freuen; dann lasst uns dafür Gott die Ehre geben. Aber auch was in den vergangenen Jahren nicht so gut war, was nicht gelungen ist, was mancher kritisch gesehen haben mag, wo es Ärger gab, wo ich mir meiner Schwächen und Fehler bewusst war – oder auch nicht –, auch das möchte ich loslassen. Ich weiß, dass es unter Gottes Gnade und Vergebung steht.

Freilich möchte ich aber auch diejenigen um Vergebung bitten, denen ich durch meinen Dienst nicht so geholfen habe, wie es gut gewesen wäre, denen ich nicht gerecht geworden bin mit meinen Worten und Taten und meiner Art, die sich über mich geärgert haben oder sich durch mich verletzt fühlten.

Versagen und Gelingen, Erfolg und Misserfolg – das alles lasse ich los. Ich lasse es fallen in Gottes Hand.

Ja, ich lasse mich selber los. Ich bin und falle in Gottes Hand. Auch die plötzliche Erkrankung hat es mir wieder deutlich gemacht: Ich kann nur leben im Loslassen. Ich habe keinen festen Halt an mir selber, an meinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, an meinen Stärken und Schwächen, an meiner Gesundheit oder Krankheit. Ich habe nur den Halt in Gott. Und deshalb kann und will ich immer wieder loslassen. – Bei ihm bin ich gehalten.

Gott segne uns alle!

Nachtrag: Geht bitte trotzdem morgen alle zum Gottesdienst!

28.09.10

Permalink 15:38:00, von Roland Herrig E-Mail , 867 Wörter   German (DE)
Kategorien: Gemeinde, Gottesdienst, Glaube

Gottesdienst muss nicht außergewöhnlich sein.

Link: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=2867

An abgelegener Stelle, nämlich im Deutschen Pfarrerblatt hat Kristian Fechtner, Professor für Praktische Theologie in Mainz, über den "gewöhnlichen" Sonntagsgottesdienst geschrieben. Nun ist dank Internet selbst das Deutsche Pfarrerblatt nicht mehr so abgelegen, dass nicht jeder diesen Artikel nachlesen könnte. Und das kann ich unseren Kirchenvorstehern und allen, die am Gottesdienst interessiert sind, nur wärmstens empfehlen. Folgen Sie dem oben angegebenen Link!

Bemerkenswert fand ich in diesem Artikel u.a. eine Überlegungen zur Bedeutung des Gottesdienstes für das christliche Leben:

Wir sprechen in kirchlichen Verlautbarungen häufig vom Gottesdienst als »Mitte« oder als »Zentrum« der Gemeinde. Das trifft [...] so nicht zu. Aber man könnte stattdessen vom Gottesdienst als »Quelle« christlichen Lebens sprechen. Eine Quelle liegt manchmal in einer entlegenen Region, auf jeden Fall nicht mitten im Gewässer. Sie liegt naturgemäß etwas höher und aus ihr sprudeln auch keine Wassermassen heraus. Aber stetig kommt frisches Wasser und das wächst sich dann aus bis hin zu Flüssen und Seen in den Kulturlandschaften unseres Lebens. Die Quelle selbst mag klein sein; es reicht, dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht versiegt.

Auch in unserem Gemeindeleitbild steht der Satz: "Gottesdienste sollen der Mittelpunkt des Gemeindelebens sein." – Die Mitte des christlichen Lebens ist er jedenfalls nicht. Die ist in meinem Herzen – also nicht nur in meinem, sondern in dem eines jeden Christen. Denn unsere Gottesbeziehung, unser Jesus-Christus-Glaube ist persönlicher Glaube. Gottesdienst als Quelle, aus dem sich der Glaube speist – das gefällt mir.

Am Ende seines Artikels fordert Fechtner vier Korrekturen an der gegenwärtig verbreiteten Gottesdienstpraxis, die mir weit gehend aus der Seele gesprochen sind. Ich zitiere noch mal in Ausschnitten:

(1) Wir sind gewohnt Gottesdienste als Gemeinschaft zu verstehen und zu gestalten. [...] Gottesdienste dürfen und sie sollen auch Distanz ermöglichen. Wo der äußere Abstand über Gebühr verringert wird, da wächst der innere Abstand. Dies gilt für körperliche Begegnungen ebenso wie für die Sitzordnung. »Kommen Sie doch nach vorne, hier sind noch Plätze frei« ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kommunikative Aufforderung. Und jeder als Zwang erlebte Kontakt, »wir reichen einander die Hände«, dementiert, was Segen oder Abendmahl als Gabe verheißen. In der Regel brauchen Menschen mehr und nicht weniger Abstand – gerade dann, wenn es um Dinge geht, die sie berühren.

Ich habe mich immer schwer getan mit Händchenhalten im Gottesdienst und Friedensgruß. Hier fühle ich mich bestätigt. Gottesdienst soll mir vor allem den Raum geben, in die persönliche Zwiesprache mit Gott einzutreten.

(2) Wir sind es gewohnt, Beteiligung als Grundprinzip des evangelischen Gottesdienstes zu verstehen. [...] Es gilt aber darauf zu achten, dass es äußere und innere Beteiligungsformen gibt. Auch hier gilt, dass eines keineswegs mit dem anderen in eins geht und dass sich beide nicht immer wechselseitig befördern. Und auch die inneren Beteiligungsformen haben etwas mit Aktivität zu tun. Der Königsweg der Gottesdienstgestaltung ist nicht die Mitmachübung; es geht vielmehr darum, die innere Teilhabe zu ermöglichen und zu stärken. Wir brauchen abgestufte Grade legitimer Beteiligung, ohne dass es für die einen oder die anderen peinlich ist.

Hatten Sie dieses Gefühl auch schon mal, im Gottesdienst vereinnahmt zu werden zu etwas, was Sie nicht wollten? – Basteln, Tanzen ...? – Äußeres Mitmachen kann innere Beteiligung behindern ...

(3) Menschen sollen aus unseren Gottesdiensten etwas mitnehmen. Wo das nicht passiert, da scheint uns der Gottesdienst misslungen. Und weil wir mittlerweile wissen, wie wichtig Symbole sind, geben wir Menschen tatsächlich immer häufiger etwas mit: eine Adventskerze, ein Bild, einen Stein. Vielleicht sollten wir bei Gelegenheit einmal die Praxis unserer gottesdienstlichen Give-aways kritisch überdenken. [...] Die Gegenprobe zum Mitnehmen lautet: Was kann ich im Gottesdienst dalassen? Vielleicht ist dies im Moment die entscheidendere Frage. Bleibt etwas von mir im Gottesdienst zurück, weil ich es dort loswerde: eine Bitte, eine Sorge, einen Gedanken? Nicht alles wieder mitnehmen müssen, das wäre was.

Dieser Gedanke spricht für sich selber.

(4) Ein evangelischer Gottesdienst, so haben wir von Martin Luther gelernt, soll verständlich sein, weil Menschen mitvollziehen sollen, was das Wort Gottes ihnen sagt und welche Bedeutung es für sie hat. [...] Verständlichkeit meint aber nicht, dass mir der Gottesdienst nicht auch fremd sein darf. Mir ist eben nicht alles vertraut und manchmal bin ich mir auch selbst fremd. Menschen lassen sich im Gottesdienst durchaus auch auf etwas ein, was ihnen zunächst fremd ist und manchmal auch fremd bleibt. [...] Im Gottesdienst, auch im Sonntagsgottesdienst, begeben wir uns allemal auf fremdes Terrain. Und dann und wann wird für Menschen der gewöhnliche Sonntagsgottesdienst zu einem »ungewöhnlichen«, existentiellen Ereignis.

Und auch diese Überlegung ist mir nicht neu. Ich habe sie auch schon gelegentlich geäußert: Wir können den Gottesdienst nicht so niedrigschwellig machen, dass er der nichtgottesdienstlichen Alltagswelt gleicht. Das "Ungewöhnliche" seiner Form hilft uns, das "Ungewöhnliche" zu entdecken: das, was unseren Alltag überschreitet, "transzendiert", die Gegenwart Gottes, das Heilige.

Damit kann man diesen schönen Artikel auf eine Pointe bringen: Der "gewöhnliche" Sonntagsgottesdienst ist in dieser seiner Gewöhnlichkeit außergewöhnlich genug, um unser Leben zu Gott hin zu erheben.

04.01.10

Permalink 10:04:39, von Roland Herrig E-Mail , 184 Wörter   German (DE)
Kategorien: Landeskirche und EKD, Kultur und Geistesleben, Persönliches, Gottesdienst, Gesellschaft und Politik

Nachtrag: Käßmanns Neujahrspredigt

Link: http://www.ekd.de/predigten/kaessmann/100101_kaessmann_neujahrspredigt.html

Unter dem angegebenen Link ist nun die von vielen kritisierte Neujahrspredigt von Bischöfin Käßmann nachzulesen (nach der ich gestern noch vergeblich gesucht habe – evangelische Medien- und Internetarbeit macht halt Sonntags Pause).

Fairerweise wird man sagen müssen, dass das Thema Afghanistan nur in einem kleinen Absatz vorkam. Auch an den Formulierungen, die letztlich nach Fantasie für den Frieden rufen, ist so viel nicht auszusetzen. Viel mehr ist Afghanistan hier ein Beispiel dafür, dass in unserer Welt nicht alles gut ist. Dem wird man schwerlich widersprechen können.

Man wird auch nicht behaupten können, dass diese Predigt übermäßig politisch und linkslastig war (nur weil Afghanistan und Kinderarmut angesprochen werden).

Die Predigt war doch in erster Linie eine Mutmachrede im Sinne der Jahreslosung: Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Was ich aber kritisch anmerken möchte: Es handelte sich letztlich nur um eine Überarbeitung ihrer Weihnachtspredigt (die man inzwischen aus dem Netz genommen oder zumindest ihren Link entfernt hat) unter Verwendung von schon benutzten Textbausteinen. Das finde ich ein kleines bisschen schwach.

03.01.10

Permalink 23:13:26, von Roland Herrig E-Mail , 450 Wörter   German (DE)
Kategorien: Kultur und Geistesleben, Persönliches, Gottesdienst, Glaube, Gesellschaft und Politik

Aufgelesen: Kritisches zu Weihnachtspredigten

Link: http://debatte.welt.de/weblogs/4881/boess+in+berlin/181689/es+gibt+keinen+gerechten+krieg+und+ein+gerechtes+weihnachtsfest+gibt+es+auch+nicht

Es rauscht in den Medien (und in der Blogosphäre): Bischöfin Käßmann hat Weihnachten und Neujahr den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert. Ich bin an anderer Stelle darauf eingegangen. Gideon Böss von der Welt (siehe obigen Link) nimmt Käßmanns Äußerungen zum Anlass, sich mit den kirchlichen Festpredigten zum Weihnachtsfest grundsätzlich auseinanderzusetzen:

Jedes Jahr nutzen Pfarrer und Bischöfe deutschlandweit die Geburt von Jesus, um zu belehren, zu kritisieren und zu ermahnen. Das ist die Schattenseite des schönen Weihnachtsfest mit seinen Lichtern, Liedern und Geschenken. Viele Menschen, die genau einmal im Jahr eine Kirche betreten, werden an diesem Tag mit Vorwürfen überschüttet und vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb den Kirchen die Mitglieder verloren gehen. Es ist einfach nicht attraktiv, dafür kritisiert zu werden, ein gutes Leben zu haben.

So sieht das einer, der offenbar kein wöchentlicher Stammgast in den Gottesdiensten ist. Und der vielleicht gerade deshalb, besonders hohe Erwartungen an eine Festpredigt zu Weihnachten hat. Und enttäuscht wird.

Mag sein, dass seine Kritik zu pauschal ist. Denn was wir medial von den Weihnachtspredigten etwa einer prominenten Bischöfin oder eines Kardinals geboten kriegen, ist natürlich fast immer nur ein winziger Ausschnitt. Dabei funktioniert der Medienfilter so, dass genau zwei politische Sätze aus dem Zusammenhang genommen und gesendet werden. Wobei die mediengeschulten Prediger und -innen ihrerseits wissen, dass sie genau diese Sätze sagen müssen, damit sie überhaupt in die Nachrichten kommen.

Was landauf, landab in den Festgottesdiensten wirklich gesagt wird, kann ich nicht überprüfen. Dass da aber manches von dem vorkommt, was Böss zitiert, dessen bin ich mir sicher:

Sozialistische Weltveränderungsromantik, Gewerkschaftsparolen und hohle Forderung nach Gerechtigkeit, daraus bestehen die Predigten zu Weihnachten und Silvester. Nichts, was ein Sozialist, Gewerkschaftler oder ein Mitglied von Amnesty International nicht auch könnte. Schade eigentlich, dass aus den Kirchen keine eigenen Ideen kommen.

Und dass das nicht die Weihnachtsbotschaft ist, da bin ich mir mit Böss ganz einig. Ich bin nicht der Meinung, dass Predigten nicht auch (mal) politisch sein dürften. Unsere eigentliche Botschaft ist anders: Sie ist nicht von dieser Welt. Gerade dadurch hilft sie uns, uns in der Welt zu orientieren.

Ich habe versucht, zu Weihnachten und Silvester keinen zu beschimpfen, keinem ein schlechtes Gewissen zu machen, keine wohlfeile Konsum- und Kulturkritik zu üben und keine Sozialromantik zu verbreiten. Ich wollte viel mehr das Ureigenste der christlichen Botschaft in den Blick rücken: Dass Gott uns liebt und froh macht.

Das kriegen die Menschen, glaube ich, viel zu selten gesagt, und wenn, dann doch nur von uns.

(Meine Weihnachts- und Silvesterpredigten zum Nachlesen gibt's auf www.kirche-augustusburg.de.)

21.11.09

Permalink 21:58:58, von Roland Herrig E-Mail , 1372 Wörter   German (DE)
Kategorien: Landeskirche und EKD, Bibel, Kultur und Geistesleben, Gottesdienst, Glaube, Gesellschaft und Politik

Sonntagsschutz? – Eine Klärungshilfe zum 3. Gebot

Eine Zukunft in Frieden hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, die ideologischen Verblendungen aufzulösen, die eine Alternativlosigkeit des gegenwärtigen Wirtschaftens vorgaukeln.
Nicht zuletzt zeigt sich das in den unentwegten Forderungen nach Aufhebung des Sonntagsschutzes. Sie haben ihren Grund in einer verengten Vorstellung vom Leben, die nicht zukunftsfähig ist. Wir werden das uns Mögliche tun, um den Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, das frei ist von dem Zugriff des Nutzendenkens, und ich bin dankbar, dass uns dabei Gerichte unterstützen.

Eine Merkwürdigkeit des gegenwärtigen kirchlichen Lebens ist die Überhöhung des Themas Sonntagsschutz und Ladenschluss.

  • Die sächsische Landeskirche erwirkt und feiert Gerichtsbeschlüsse, die einer Auslegung des Ladenschlussgesetzes widersprechen, nach der Kommunen versucht haben, alle vier möglichen verkaufsoffenen Sonntage in den Advent zu legen.
  • Als Beispiel missionarischer Kirche soll auf der Tagung der Landessynode auch davon berichtet worden sein, wie ein Superintendent vor einer Einkaufseinrichtung Flyer für den Sonntagsschutz verteilt hat.
  • Der Landesbischof schließlich stilisiert den Sonntagsschutz zum Symbolthema einer ideologischen Auseinandersetzung um die Art und Weise des gegenwärtigen Wirtschaftens, an der nicht weniger als unsere "Zukunft in Frieden" hängen soll (s.o.).

Worum geht es beim Sonntagsschutz?

Der Sonntagsschutz bezieht sich auf das (nach lutherischer Zählung) dritte der Zehn Gebote: Du sollst den Feiertag heiligen.

Seit der Frühzeit der Kirche hat der Sonntag den jüdischen Sabbat als Ruhe- und Feiertag ersetzt. In der christlich-abendländischen Kultur war er als Tag des Gottesdienstes auch Tag der Arbeitsruhe, wobei es immer auch Ausnahmen gab, z.B. landwirtschaftliche Arbeit.

Das Grundgesetz übernimmt die Artikel der Weimarer Reichsverfassung, die die Ausgestaltung der Religionsfreiheit betreffen. Darin heißt es: Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.

Das ursprüngliche biblische Sabbatgebot gebietet eine umfassende Arbeitsruhe: da sollst du kein Werk tun, weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist. Als Begründung wird Gottes Ruhe am siebten Schöpfungstag angegeben (Exodus/2. Mose 20,8-10).

Einschlägig für die evangelische Deutung des Feiertagsgebotes ist Martin Luthers Großer Katechismus.

Luther erklärt zunächst ganz sachgerecht, dass dieses Gebot ursprünglich der Arbeitsruhe diente, auf daß sich beide Mensch und Vieh wieder erholeten und nicht von steter Arbeit geschwächet würden.

Luther wendet aber zugleich eine Auslegung der alttestamentlichen Gebote an, die diese zunächst gar nicht als christliche Gebote betrachtet, sondern als der Jüden Sachsenspiegel, wie Luther mal sagte. D.h.: die alttestamentlichen Gebote sind zuerst die Gesetze eines bestimmten Volkes zu einer bestimmten Zeit, die keineswegs automatisch für die Christen gelten, zumal diese anderen Völkern zu anderen Zeiten angehören.

So stellt er folgerichtig fest: dieser äußerlichen Feier [= Arbeitsruhe; RH] nach ist dies Gebot allein den Jüden gestellet ... Darum gehet nun dies Gebot nach dem groben Verstand uns Christen nichts an, denn es ein ganz äußerlich Ding ist, wie andere Satzungen des alten Testaments an sonderliche Weise, Person, Zeit und Stätte gebunden, welche nu durch Christum alle frei gelaßen sind.

Was ist nun aber der feinere Verstand, nach dem uns dieses Gebot doch angeht?

Zunächst daß wir Feiertage halten ... auch um leiblicher Ursach und Nothdurft willen, welche die Natur lehret und fordert, für den gemeinen Haufen, Knecht und Mägde, so die ganze Wochen ihrer Arbeit und Gewerbe gewartet, daß sie sich auch einen Tag einziehen zu ruhen und erquicken.

Sodann aber, und das ist Luther das Wichtigere Anliegen, daß man an solchem Ruhetage, (weil man sonst nicht dazu kommen kann) Raum und Zeit nehme Gottesdienst zu warten, also daß man zu Haufe komme Gottes Wort zu hören und handeln, darnach Gott loben, singen und beten.

Luther ist es eigentlich gleichgültig, welcher Tag dafür verwendet wird. Darum hat er auch das Wort "Sabbat" aus der Katechismus-Fassung des Gebots getilgt. Im Grunde genommen sollte jeder Tag Zeit der Erholung und Zeit für Gott haben, aber weil es der Haufe nicht warten kann, muß man je zum wenigsten einen Tag in der Woche ausschießen.

Luther beschäftigt sich dann ausführlich damit, was denn heiligen bedeute, und stellt fest, dass es nur Gottes Wort sein könne, das diesen Tag heiligt, denn: Gottes Wort ist der Schatz, der alle Ding heilig macht. Also ist das die einfältige Meinung dieses Gebots, ... daß dieses Tages eigentlich Amt sei das Predigamt.

Den Feiertag heiligen können wir demnach nur dadurch, dass wir Gottes Wort an diesem Tag besonderen Raum in unserem Leben geben. Darum merke, daß die Kraft und Macht dieses Gebotes stehet nicht im feiren, sondern im heiligen, also, daß dieser Tage eine sonderliche heilige Uebung habe..

Was folgt daraus für unsere Sonntagspraxis?

  1. Das Feiertagsgebot richtet sich zuerst an uns Christen. Es erinnert uns daran, dass es uns not tut, regelmäßig Gottes Wort zu hören. Es erinnert uns an die sonderliche heilige Uebung, am Sonntagmorgen einen siegreichen Kampf gegen den Fleischmagneten unter der Matratze zu führen, um dem Gottesdienst beizuwohnen.
  2. Es erinnert uns alle daran, dass der Mensch Zeiten der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung braucht.
    Anders als zur Zeit Luthers oder der Bibel haben wir heute in der Regel ausreichend Freizeit. Es gibt Urlaubsregelungen. Die wöchentliche Arbeitszeit ist von vornherein auf fünf bzw. sechs Tage begrenzt. Dass die Arbeitsruhe zwingend am Sonntag sein muss, ist nicht vorgegeben. Der Sonntag kann aber eine große Hilfe sein, sich diese Ruhe zu gönnen.
  3. Die rechtliche Ausgestaltung von Zeiten der Arbeitsruhe ist Sache staatlicher Gesetzgebung oder arbeitsvertraglicher Regelungen. Im Sinne von Luthers Zwei-Reiche-Lehre können Christen nicht erwarten, dass diese Regelungen immer nur in ihrem Sinne erfolgen. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht darauf hinwirken sollten.
  4. Sonntagsschutz im Sinne freier Religionsausübung hat in erster Linie den Sinn, Christen die Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen. Von daher ist in erster Linie die Gottesdienstzeit am Sonntagvormittag zu schützen.
  5. Verkaufsoffene Sonntage sind aus christlicher Sicht nicht schön. Ich kann es mir nicht vorstellen, einen Adventssonntagnachmittag in einem Einkaufszentrum zu verbringen. Insofern ist hier vor allem die eigene Entscheidung von uns Christen gefordert, sich nicht an diesem Einkaufsrummel zu beteiligen.
    Wo aber sind die Grenzen? Gehen wir dann auch nicht am Sonntag mit unseren Kindern auf den Weihnachtsmarkt? Warum sollten wir Christen denen, die keine sind und deshalb gar nicht in der Lage, den Feiertag im eigentlichen Sinne zu heiligen, es verwehren, diesen Tag zu verbringen, wie sie es wollen?
    Es leuchtet auch keineswegs ein, warum die Öffnung von Verkaufsgeschäften dem Sonntagsschutz widerspricht, nicht aber der Betrieb von Gaststätten, von Verkehrsmitteln, von Freizeiteinrichtungen jeglicher Art. Werden da nicht ebenso Geschäfte gemacht? Werden da nicht ebenfalls Beschäftigte daran gehindert, den Feiertag in ihrem eigenen Sinne zu nutzen? Sollten wir als Christen konsequenterweise nicht auch darauf verzichten, Sonntags ins Gasthaus zu gehen oder mit der Bahn zu fahren?

Nach meinem Verständnis gibt es kein wirklich stichhaltiges theologisches Argument gegen liberale Ladenschlussregeln. Einzig und allein daran ist festzuhalten, dass im Sinne der Religionsfreiheit Beschäftigten die Möglichkeit eingeräumt werden muss, am Sonntag an einem christlichen Gottesdienst teilzunehmen.

Das Sonntagsthema taugt nicht zum Missionieren, denn wir sind nicht gerufen, die Menschen zur Sonntagsruhe zu bekehren, sondern zu einem Leben mit Jesus Christus.

Schon gar nicht taugt es für ideologische Auseinandersetzungen über die Art der Wirtschaftsordnung, denn unsere Aufgabe ist es sicher nicht, die Position von ver.di zu vertreten. (Dass sich der Landesbischof auf die Seite der Kritiker einer freien Wirtschaftsordnung stellt, halte ich ohnehin für bedenklich.)

Im Sinne des Feiertagsgebotes wäre es viel mehr, die Nutzung der Freizeit überhaupt zu thematisieren: Feiern wir nur oder heiligen wir unser Leben, indem wir Gott Raum geben?

So lange unser Gottesdienstbesuch bei ca. 5 % der Kirchenglieder liegt und die Kirchenmitgliedschaft bei 20 % der Bevölkerung, sollten wir das dritte Gebot vor allem und zuerst als Gebot an uns hören und nicht an Staat und Gesellschaft.

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